Wednesday, 23.01.2008

Menschen, Träume, Taten

Am Sonntag gab es den Film Menschen, Träume, Taten im Rahmen eines Filmfestivals des Gutmenschenprojekts dieGesellschafter. 90 Minuten über das Ökodorf "Sieben Linden". Im Kino nur Fachpublikum, hinterher Diskussion mit einer Frau aus dem Projekt:
  • Der Film ist angenehm vielseitig: Tiefdurchgeistigte Kommune-IndividualistInnen kommen zu Wort und normale Ökotussis, die nicht wollen, dass Kinder Fernsehen gucken und viele kritische Stimmen...
  • Das Ökodorf wächst und gedeiht: über 100 Leute innerhalb von reichlich 10 Jahren. Davon können viele Gemeinschaftsprojekte nur träumen. Das liegt bestimmt an dem von vornherein groß gedachtem Ansatz. Dreihundert Leute sollen es werden, organisiert in Nachbarschaften, die unter sich die Feinheiten des Zusammenlebens ausmachen. Dieser Ansatz ist flexibler als das Friss-oder-Stirb von Ein-Ideologie-Gemeinschaften wie etwa Niederkaufungen.
  • In einer Eurotopia-Ausgabe stand mal, dass politische Kommunen irgendwann entdecken, dass es nicht ohne Spiritualität geht und umgekehrt entdecken spirituelle Gemeinschaften, dass es nicht ohne Ökonomie geht: Sieben Linden scheint auf dem Weg von der Spiritualität zur gemeinsam(er)en Ökonomie. Es wurde unlängst herausgefunden, dass es ziemlich blöd ist, wenn die Unkrautzupfer auf dem Feld weniger Geld aus der Gemeinschaftskasse bekommen als die heiligen Tischler beim Hausbau.
  • Die Biografiesplitter der Leute aus dem Film gaben meiner Theorie Futter, dass es nur wenige echte Bilderbuchaussteiger gibt. Die meisten Leute, die ein alternatives Leben führen, waren nie richtig drin, es sind eher Nicht-Einsteiger, ganz im Sinne von: "Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen.".

P.S. für spezielle Stammleser: Das Festival kommt in 100 Städte, auch in ganz kleine. :-)

Sunday, 04.11.2007

Uwe Pfeifer

Dann gab es noch ein Ausstellung von meinem Lieblingsmaler in der Villa Kobe. Als wir da waren, schwatzten gerade zufällig der Friedrich Schorlemmer und Uwe Pfeifer vor Publikum.
Und es war sehr angenehm anti-hyperintellektuell. Fragt der Pfarrer den Künstler, warum er malt, kommt der mit einer Story von seinem Mentor Mattheuer, der meinte: "Es müssen ja nicht alle wissen, dass man keine Lust zum Arbeiten hat." Hochfliegende Fragen aus dem Publikum nach Bedeutungen und Interpretationen blockt Pfeifer freundlich und bestimmt ab. Er malt Geländer mit Wasser dahinter, Mauern im Mondschein und seit einer Italienreise Kreisel mit Vulkanen. Punkt. Und wenn er für ein tolles G8-Plakat gelobt wird, weil er ein Bild mit acht Dolchen in einem Tisch gemalt hat, dann ist das für ihn der Gipfel der Überinterpretation.

Wednesday, 17.10.2007

Otto in Halle

Na gut man kann sich den Herrn Waalkes mal live angucken.
Aber beim Preis-Leistungsverhältnis kommen mir Zweifel.
Für das Ottogeld hätte ich auch acht bis zehn Mal ins Kino oder in kleine Klubs zum Livekonzert gehen können.

Saturday, 29.09.2007

Die geistige Erbauung

zum Wochenende liefern mir die goldene Zitronen zum Grabbeltischpreis mit ihrem Schafott zum Fahrstuhl:
Als die Axt in den Wald kam, sagten die Bäume: "Wenigstens der Stiel ist einer von uns..."

Monday, 03.09.2007

Oaxaca

Gestern gab es spanisches OmU-Kino: "Zwischen Rebellion und Utopie" von Miriam Fischer über die Aufstände in Oaxaca.
Zwei Sachen bewegten mich besonders:
  • Wie da so ein Lehrer über die Anfänge der Proteste erzählte - neben Lohnerhöhungen spielte auch die Armut der Schüler eine Rolle und dass man da doch etwas tun müsse. Und ich greife an meine eigene Nase und stelle fest, dass mein Beitrag zur Rettung der Kinder meiner Heimat heute darin bestand, die Jammer-Kolummne meiner Gewerkschaftszeitung zu lesen, wo geschrieben stand, dass 15% der Kinder in Sachsen-Anhalt von Hartz IV (also von 6,80€ täglich) leben.
  • Die Leute waren stolz auf ihre 500-jährige Geschichte des Widerstandes. Als die ersten Protescamps der Lehrer geräumt wurden, entstand eine breite solidarische Protestbewegung. Wenn ich da so an meine Reinfälle sinnloser Latschendemos gegen Schulschließung, Jugoslawienkrieg oder Hartz IV denke... und die "Sternstunden" deutscher Volksmacht: wie etwa 17. Juni oder 1989...

Monday, 30.07.2007

documenta 12.3

Ich bin öfter mal im Museum. Und freue mich, wie sich das Ausstellungswesen entwickelt: weg vom heiligen Exponat in der Vitrine hin zum Dingens, wo man mal auf einen Knopf drücken darf oder an einer Kurbel drehen. In dieser Hinsicht hat mich die documenta als Präsentationsort modernster Kunst hochgradig enttäuscht.
Na gut, dass man ein Ölgemälde nicht anfasst, kann ich gut verstehen. Aber ein Schiff solide zusammengeschweißt aus Eisenteilen? Oder so ein schwebendes Gewaber von Iole de Freitas aus Stahl und Kunststoff. Eine Installation im ganzen Raum, der zahlende Kunstkonsument bewegt sich durch das Objekt. Soweit so gut. Aber wehe man stößt irgendwo mit dem Kopf an oder wagt etwa seinen Tastsinn einzusetzen: "nicht anfassen," kräht es von der Aufsicht.
Ein drittes Beispiel: die Drehflügel von Charlotte Posenenske. Es geht um einen Holzwürfel mit lauter schwenkbaren Türen. Das Teil stammt aus den 60ern und wurde nachgebaut. Aber nicht etwa einigermaßen bissfest, so dass es 100 Tage hält, sondern wahrscheinlich so orginalgetreu, dass es als wir da waren halb kaputt war und am nächsten Tag vollständig gesperrt.
Dass ich wirklich fast auschließlich nur hören und gucken durfte, hatte ich nicht erwartet.

Sunday, 29.07.2007

documenta 12.2

Das schönste Paar Ausstellungsstücke: Das Foto von so einer Performance. Die Künstlerin hatte die Fans zu einer Ausstellungseröffnung geladen. Das Vernisage-Publikum hatte sich in einem weißen Raum mit Schaufenster nach außen versammelt. Als alle da waren, wurde die Tür verammelt. Die Leute blieben brav in dem Raum stehen, bis jemand von außen die Scheibe einschlug und die Kunstliebhaber befreite.
Und gleich neben dieser Publikumsverarsche so ein rosa Quader von McCracken, um den die Führung ein Riesengedöns macht: den sie erst langweilig fand, dan fielen ihr die kleinen Unregelmäßigkeiten auf, die Reflektion der Beleuchtung, die Überhöhung durch das Podest und nicht zuletzt der Staub oben drauf. Aber um Gottes Willen nicht anfassen.
Ich sehe mich um, ob die Schneider des Kaisers neuer Kleider eine versteckte Kamera installiert haben.

Saturday, 28.07.2007

documenta 12.1

Ich fand die documenta für mich vom Preis/Leistungsverhältnis her ungünstig, einfach nur ein teures Event. 27€ Eintitt für zwei Tage, 20 € Übernachtung, 200 km Anreise.
Mein erster zusammenfassender Eindruck war, dass ich mich in Halle nicht kulturell vernachlässigt fühlen muss. Mit Shrinking Cities, RadioRevolten oder Werkleitzbienale brauche ich mich da nicht verstecken. Und wenn wir in Halle mal Platz für temporäre Sachen brauchen - gibt es genügend leerstehende Ruinen, da müssen wir kein Gewächshaus in den Schlosspark bauen.

Saturday, 14.07.2007

Nacht

Das Theater Halogen hat dieses Jahr das Stück "Nacht" von Andrzej Stasiuk auf dem Programm.
Ein polnischer Dieb wird von einem deutschen Juwelier bei einem Einbruch ertappt und erschossen. Den Juwelier trifft vor Schreck der Schlag und er erhält das Herz des Erschossenen als Transplantat...
Ein nettes kleines Stück. Es gibt so dieses Bild vom über den Tellerrand gucken. Hier ist es umgekehrt. Der polnische Autor ermöglicht es mir mit den Augen der Anderen von außen nach innen über meinen deutschen Tellerrand zu sehen. Passend steht dazu im Programmheft ein Zitat von Andrzej Stasiuk:
„Pole sein heißt, der letzte Mensch östlich des Rheins
zu sein. Denn für einen Polen sind die Deutschen so etwas
wie gut konstruierte Maschinen, Roboter; die Russen
dagegen sind schon ein wenig wie Tiere.“

Monday, 30.04.2007

Klein Statt Leben

ein ganzer Abend Kultur von der linken Szene für die linke Szene und kein Punk, sondern Theater:
Eine verdammt kleine Stadt, ein Kiosk, die Post, die Feuerwehr, Bürgermeisterin und Pastorin und direkt nebenan das älteste Atomkraftwerk der Welt - die Touristenattraktion! Alles läuft so weit, so gut. Doch als das AKW eines Tages nach China exportiert wird, bricht der lokale Tourismus und mit ihr die kleinstädtische Idylle zusammen. Ohne die sicheren Einnahmen wachsen Angst und Ungewissheit. Neue Autoritäten entstehen, Auswege werden gesucht und unkonventionelle Pläne geschmiedet, die nur für Wenige der Beteiligten gut enden können.
Das neue Trash-Musical von Revolte-Springen im Circus-Variete. Vor zwei, drei Jahren war der Vorgänger "Freiheit satt" noch ein Geheimtipp in Halle, unter 50 Leute kamen da. Diesmal war es richtig voll.

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