Saturday, 26.08.2006

Heimkehr II

Urlaub heißt für mich Abstinenz von Nachrichten. Radio Corax agitiert mich mit seinem Morgenmagazin in meine linke Wunschwirklichkeit zurück:
  • Robert Kurz wettert in einem Interview gegen revoluzzerischen Aktionismus, der außer einem guten Bauchgefühl nichts bewirkt. Gegen Negris Multitude und für radikale Kritik, aus der leider keine direkte Anleitung zum Handeln folgt.
  • Ein Gespräch mit Eliza dem Chat-Bot von Joseph Weizenbaum.
  • Ein zusammengeschlagener Mann aus Togo.
  • Eine Collage mit wichtigen Verhaltenshinweisen. Vorsicht vor dem Salzen von heißem Wasser. Gefahren von Luftballons für Kinder...Dazu Öko-Müsli und fairer Kaffee. Der Mann, der gegenüber am Fenster immer raucht, ist auch noch da.

Sunday, 20.08.2006

Heimkehr

Unsere Reisen führten uns meist aus dem Jammertal unserer kleinlichen Existenz heraus, sei es um erhabene Naturschönheiten zu bewundern oder um in kolonialem Luxus zu schwelgen. Diesmal war es anders gewesen. Wir hatten ein einwöchiges Inferno aus Schlemmorgien, Technobässen, Meeresrauschen, Hitze und Alkohol hinter uns. Und Halle erschien uns schön. Wir genießen es jetzt noch, still im Wohnzimmer zu sitzen und dem Ticken einer Uhr oder dem Gurgeln des Kühlschranks zu lauschen. Selbst das ferne Tosen des Verkehrs erscheint uns weniger nervtötend als die Dauerdröhnung der letzten Woche.

All-Inclusive III

Nach ein paar Tagen war etwas eigenartiges passiert. Der Groll des ersten Abends war verflogen. Nicht dass uns das Ambiente plötzlich gefallen hätte. Aber mich hatte eine eindruckslose Leere aus Essen, Saufen, Sonne und Strand befallen. Eine satte Gleichgültigkeit bar jeder Emotion, ohne Traurigkeit, ohne Weisheit, ohne Zufriedenheit. Das komplexe Denken fiel mir schwer, wir haben uns öfter in dem wirklich übersichtlichen Örtchen verlaufen. Wir mussten nur Strandspaziergänge, Mahlzeiten und Abfassen des kostenlosen Alkohols zur Erlangung der notwendigen Nachttaubheit koordinieren. Und damit hatten wir genug zu tun.

Saturday, 19.08.2006

Strand II

Am Wochenende fluteten die Einheimischen den Strand. Man hätte diese hässlichen Fotos machen können von den dicht gepackten Menschenleibern, die im Sand lagen und ihre Achselhöhlen bräunten, den Hunderten im Wasser. Aber diese Fotos wären schlimmer als die Wirklichkeit gewesen. Da lagen also auf engstem Raum viele Leute müßig in der Sonne 'rum, lasen, schwatzten, schliefen. Es war eine freundliche Atmosphäre. Natürliche nicht die passende Gelegenheit, um über die Urgewalt des Meeres und das Dasein überhaupt zu sinnieren. Aber trotzdem angenehm. Zumindest empfand ich es so bei unserem Strandspaziergang durch die fröhlich bratende Menge.

Plattenbauten

Natürlich sehen aus dem Boden gestampfte Plattenbausiedlungen mit heutigen Augen von weitem oder von oben nicht sonderlich ästhetisch aus. Aber halle-neustadt-erfahrener Zoni, der ich bin, musste/konnte ich die bulgarischen Stadtzentren in Dobrich und Blagoevgrad mit anderen Augen sehen als ein im Gartenzwergdeutschland bei Göttingen oder Heidelberg Sozialisierter. Ich sah große schattige Bäume, unter denen es sich trefflich wandeln ließ. Ich sah Leben auf den Straßen. Dort, wo die realsozialistischen Architekten Geschäfte vergessen hatten, standen Büdchen, gab es Kellergeschäfte mit ihrer Ladentheke 50 cm über dem Boden. Nicht schön, aber wenigstens lebendig und weit entfernt von Schlafstadt.

All-Inclusive II

Das Essen war gut, ohne Wenn-und-Aber. Jeder konnte seinen Spleen ausleben. Für den fetten Schlemmer Braten mit Soße, Pommes und Mischgemüse, als Nachtisch süßen Kuchen dazu zwei, drei Bier. Für den vitalstoffbewussten Kalorienzähler Salatberge, Obst und ein Scheibchen kurzgebratenes Fleisch. Das ganze in einer Atmosphäre aus Hektik und Lärm. Internationales Stimmengewirr. Enge Tischreihen, Kommen und Gehen. Die Kellner warfen krachend das schmutzige Besteck in Blechbehälter. Extremer Höhepunkt dieser zutiefst unromantischen Fressorgien war der bulgarische Abend. Über den üblichen Lärm wurde noch ein Dudelsack gelegt.
Aber wahrscheinlich war dies eine national eingefärbte Wahrnehmung. Es waren immer nur deutsche Kleinfamilien oder Paare, die ich verkrampft an ihren Tischen hocken sah, missmutig in die Runde starrend, über die Fehler und Absonderlichkeiten der Anderen tuschelnd. Die russischen, rumänischen oder belgischen Sippen schienen mir wesentlich entspannter. Sie packten sich gemeinsam ihren Tisch voll und dann tafelten sie in aller Ruhe bzw. lauten Fröhlichkeit, steckten sich zwischendurch eine Zigarette an und bliesen ihren Mitessern den Rauch ins Gesicht.

Friday, 18.08.2006

Strand I

Frühmorgens gegen acht standen zwei Leute bewegungslos im knietiefen Wasser. Arme ausgebreitet, die Handflächen nach oben blickten sie in die aufgehende Sonne. Hinter ihnen die Steilküste, angeschwemmte Muscheln, der berühmte Sandstrand. Zwischen den großen Steinen grüne Bierflaschen, im Gebüsch aufgeplatzte blaue Müllsäcke. Große Hitchcock-Möwen.

All-Inclusive I

Unser erster Abend in Albena war eine Mischung aus Traurigkeit und Entsetzen. Den Tag vorher hatten wir in der Erhabenheit des Hochgebirges verbracht, aus den Wolken hinab auf das Rilakloster geblickt. Und jetzt diese Kakophonie aus Lärm und Licht. Jedes Hotel hat eine laut dröhnende Poolbar. Häßliche turbogebräunte Menschen. Rummelplatzattraktionen lockten mit flackerndem Licht. Bis früh um vier schlugen die Bässe aus dem Mysteryclub durch die geschlossenen Fenster in die stickige Luft unseres Zimmers.

KIM

Die durchorganisierten Abläufe des Pauschaltourismus bringen mir die Abläufe der industriellen Hühnerproduktion ins Hirn. Die Förderbänder, die trickreichen Mechanismen, das gute Futter...

Wednesday, 16.08.2006

Vielsamkeit

Als wir im Höhlenkloster Aladscha waren, regnete es. Drei Reisebusse und eine ganze Wolke PKWs voll Touristen auf dem Parkplatz. Keinem war das Kloster so wichtig, dass er im Gewitterregen durch die Pfützen waten wollte. Aber dann, als der Regen aufhörte, gab es kein Halten. Gemeinsam mit unseren Mittouristen schoben und quetschten wir uns durch die Felsspalten, vorbei an Erläuterungen zu erbaulichen Installationen, in denen Worte vorkamen wie Stille, Transzendenz und Einsamkeit. Auch der Führer im Museum, verloren zwischen den vielen Menschen, wich kein Quentchen ab von seinem Programm: "Man kann hier seine Seele baumeln lassen."

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