Tuesday, 29.08.2006

Knochenkotzen mit Feminismus

Wasweichich brachte mich auf einen garstigen Feminismustext:
»Selbstüberschätzung und unreflektierte Emanzipationsgläubigkeit der Frauen«, schrieb Eva Herman in einem Aufsatz für das Monatsmagazin Cicero, »haben die Frauen in widersprüchlichen Rollenanforderungen zerrieben und für die Mutterrolle unbrauchbar gemacht«. Zum Knochenkotzen.

Monday, 28.08.2006

Jules Valles

Thomas Ebermann, Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen, Rocko Schamoni von Studio Braun und Frank Spilker von Die Sterne belesen und besingen Jules Vallès im Conne Island. Schröcklich zeitgemäße Texte eines Dichters und Unangepassten von vor 150 Jahren und allerlei Hamburger Punkhymnen der anwesenden Herren. Ein netter Abend im Kreise der linken Leipziger Szenestundentenschaft. Nach der Lesung gibt es noch Geburtstagsdisko zum 15-jährigen Bestehen des Conne Island. Doch das erleben die Quotenalten nicht mehr mit.

Sunday, 27.08.2006

Games Convention II

Natürlich bin ich nicht verbiestert einen ganzen Tag hinter einem Schlüsselbänder und Demos jagendem Teenager hergedackelt. Nicht ganz neu, aber trotzdem interessant:
  • Eine Kunstausstellung zum Spieleklassiker Pong
  • Überhaupt die Sachen unter "GC goes Art". Zum Beispiel Maya-Schönheiten unter der Rubrik "Almost real: Digital Beauties/Character Design"
  • Das Spiel Spore aus der SimsSchmiede. Eine Evolutionssimulation von der Ursuppe bis zum Raumfahrtszeitalter. Ob die Spielemacher dem Spielenden soviel Freiraum wie Lems Fantasie lassen, etwa mit fünfgeschlechtlichen Arten. Was wird man für Zivilisationen kreieren können: wieder nur Vulgärdarwinismus, oder wird es kreativere Optionen geben?

Games Convention I

Was fällt einem Menschen auf, der nicht so richtig zur Zielgruppe der GC:
  • eine ungewöhnliche Messe, bei der man sich nur brüllend mit den Standbetreuern unterhalten kann, weil über den Hallen ein Teppich aus konkurrierenden Bässen liegt.
  • Vorurteile wurden bestätigt. Kaum Stände von kleinen Softwareschmieden, keine neuen Spielideen, na gut die Grafik wird immer besser, die KIs werden weiter entwickelt und es rennen immer mehr Männl über den Schirm.
  • Am Nachmittag sitzen die großen Kinder müde mit flackerndem Blick auf den Bänken, blättern ihre Werbeschätze durch.
  • Erst die Webpräsenz der GC hat mir gezeigt, wie das Ding eigentlich funktioniert. Fachmesse und Publikumsmesse sind völlig voneinander getrennt. In den Messehallen die dröhnende Werbeveranstaltung fürs Volk und im Businesscenter die "eigentliche" Messe. Wegen der letztgenannten Veranstaltung wohl auch der Medienrummel darum, dass die GC die größte Computerspielmesse ist.

Mozart

Theater Apron spielt Mozart im Burggraben der Moritzburg. These: Mozart war eine Frau, die als Mann agieren musste, um komponieren zu können. Das Programmheft kokettiert mit Judith Butler. Die Theatergruppe besteht aus arbeitslosen Profis, die ihre Stimme warm halten.
Kurzweilige Unterhaltung an einem warmen Sommerabend, die selbst meinem "Hochkultur" verachtenden Sohn immer mal ein Kichern entlockte. Der war nämlich überraschenderweise mitgekommen.

Saturday, 26.08.2006

Heimkehr II

Urlaub heißt für mich Abstinenz von Nachrichten. Radio Corax agitiert mich mit seinem Morgenmagazin in meine linke Wunschwirklichkeit zurück:
  • Robert Kurz wettert in einem Interview gegen revoluzzerischen Aktionismus, der außer einem guten Bauchgefühl nichts bewirkt. Gegen Negris Multitude und für radikale Kritik, aus der leider keine direkte Anleitung zum Handeln folgt.
  • Ein Gespräch mit Eliza dem Chat-Bot von Joseph Weizenbaum.
  • Ein zusammengeschlagener Mann aus Togo.
  • Eine Collage mit wichtigen Verhaltenshinweisen. Vorsicht vor dem Salzen von heißem Wasser. Gefahren von Luftballons für Kinder...Dazu Öko-Müsli und fairer Kaffee. Der Mann, der gegenüber am Fenster immer raucht, ist auch noch da.

Sunday, 20.08.2006

Heimkehr

Unsere Reisen führten uns meist aus dem Jammertal unserer kleinlichen Existenz heraus, sei es um erhabene Naturschönheiten zu bewundern oder um in kolonialem Luxus zu schwelgen. Diesmal war es anders gewesen. Wir hatten ein einwöchiges Inferno aus Schlemmorgien, Technobässen, Meeresrauschen, Hitze und Alkohol hinter uns. Und Halle erschien uns schön. Wir genießen es jetzt noch, still im Wohnzimmer zu sitzen und dem Ticken einer Uhr oder dem Gurgeln des Kühlschranks zu lauschen. Selbst das ferne Tosen des Verkehrs erscheint uns weniger nervtötend als die Dauerdröhnung der letzten Woche.

Die letzte Nacht

Um 3 Uhr sollte der Transfer zum Flughafen gehen. Gegen eins ein letzter Gang durch Albena. Am Strand war es angenehm ruhig geworden. Die kleinen Poolbars und Strandlokale waren geschlossen. Nur die Karaokebar und der Mysteryklub pumpten noch ihre Bässe in die umliegenden Hotels. Im Kulturzentrum neben Reptilienzoo und Kunstausstellung die Shadowbar: Hinter Leinwänden tanzten Frauen mit für diesen Job geeigneten Konturen. Auch die Stände mit den Marionetten, T-Shirts, die Antikfotografen und Portraitmaler hatten geschlossen. Hier ist jetzt der Straßenstrich: "Gut Sex, Blasen, Bumsen im Park 40 Lv. 100 Lv - 1 Stunde im Zimmer mit Massage." (1 € ≈ 1,80 Lv)

All-Inclusive III

Nach ein paar Tagen war etwas eigenartiges passiert. Der Groll des ersten Abends war verflogen. Nicht dass uns das Ambiente plötzlich gefallen hätte. Aber mich hatte eine eindruckslose Leere aus Essen, Saufen, Sonne und Strand befallen. Eine satte Gleichgültigkeit bar jeder Emotion, ohne Traurigkeit, ohne Weisheit, ohne Zufriedenheit. Das komplexe Denken fiel mir schwer, wir haben uns öfter in dem wirklich übersichtlichen Örtchen verlaufen. Wir mussten nur Strandspaziergänge, Mahlzeiten und Abfassen des kostenlosen Alkohols zur Erlangung der notwendigen Nachttaubheit koordinieren. Und damit hatten wir genug zu tun.

Saturday, 19.08.2006

Strand II

Am Wochenende fluteten die Einheimischen den Strand. Man hätte diese hässlichen Fotos machen können von den dicht gepackten Menschenleibern, die im Sand lagen und ihre Achselhöhlen bräunten, den Hunderten im Wasser. Aber diese Fotos wären schlimmer als die Wirklichkeit gewesen. Da lagen also auf engstem Raum viele Leute müßig in der Sonne 'rum, lasen, schwatzten, schliefen. Es war eine freundliche Atmosphäre. Natürliche nicht die passende Gelegenheit, um über die Urgewalt des Meeres und das Dasein überhaupt zu sinnieren. Aber trotzdem angenehm. Zumindest empfand ich es so bei unserem Strandspaziergang durch die fröhlich bratende Menge.

Plattenbauten

Natürlich sehen aus dem Boden gestampfte Plattenbausiedlungen mit heutigen Augen von weitem oder von oben nicht sonderlich ästhetisch aus. Aber halle-neustadt-erfahrener Zoni, der ich bin, musste/konnte ich die bulgarischen Stadtzentren in Dobrich und Blagoevgrad mit anderen Augen sehen als ein im Gartenzwergdeutschland bei Göttingen oder Heidelberg Sozialisierter. Ich sah große schattige Bäume, unter denen es sich trefflich wandeln ließ. Ich sah Leben auf den Straßen. Dort, wo die realsozialistischen Architekten Geschäfte vergessen hatten, standen Büdchen, gab es Kellergeschäfte mit ihrer Ladentheke 50 cm über dem Boden. Nicht schön, aber wenigstens lebendig und weit entfernt von Schlafstadt.

All-Inclusive II

Das Essen war gut, ohne Wenn-und-Aber. Jeder konnte seinen Spleen ausleben. Für den fetten Schlemmer Braten mit Soße, Pommes und Mischgemüse, als Nachtisch süßen Kuchen dazu zwei, drei Bier. Für den vitalstoffbewussten Kalorienzähler Salatberge, Obst und ein Scheibchen kurzgebratenes Fleisch. Das ganze in einer Atmosphäre aus Hektik und Lärm. Internationales Stimmengewirr. Enge Tischreihen, Kommen und Gehen. Die Kellner warfen krachend das schmutzige Besteck in Blechbehälter. Extremer Höhepunkt dieser zutiefst unromantischen Fressorgien war der bulgarische Abend. Über den üblichen Lärm wurde noch ein Dudelsack gelegt.
Aber wahrscheinlich war dies eine national eingefärbte Wahrnehmung. Es waren immer nur deutsche Kleinfamilien oder Paare, die ich verkrampft an ihren Tischen hocken sah, missmutig in die Runde starrend, über die Fehler und Absonderlichkeiten der Anderen tuschelnd. Die russischen, rumänischen oder belgischen Sippen schienen mir wesentlich entspannter. Sie packten sich gemeinsam ihren Tisch voll und dann tafelten sie in aller Ruhe bzw. lauten Fröhlichkeit, steckten sich zwischendurch eine Zigarette an und bliesen ihren Mitessern den Rauch ins Gesicht.

Friday, 18.08.2006

Strand I

Frühmorgens gegen acht standen zwei Leute bewegungslos im knietiefen Wasser. Arme ausgebreitet, die Handflächen nach oben blickten sie in die aufgehende Sonne. Hinter ihnen die Steilküste, angeschwemmte Muscheln, der berühmte Sandstrand. Zwischen den großen Steinen grüne Bierflaschen, im Gebüsch aufgeplatzte blaue Müllsäcke. Große Hitchcock-Möwen.

All-Inclusive I

Unser erster Abend in Albena war eine Mischung aus Traurigkeit und Entsetzen. Den Tag vorher hatten wir in der Erhabenheit des Hochgebirges verbracht, aus den Wolken hinab auf das Rilakloster geblickt. Und jetzt diese Kakophonie aus Lärm und Licht. Jedes Hotel hat eine laut dröhnende Poolbar. Häßliche turbogebräunte Menschen. Rummelplatzattraktionen lockten mit flackerndem Licht. Bis früh um vier schlugen die Bässe aus dem Mysteryclub durch die geschlossenen Fenster in die stickige Luft unseres Zimmers.

KIM

Die durchorganisierten Abläufe des Pauschaltourismus bringen mir die Abläufe der industriellen Hühnerproduktion ins Hirn. Die Förderbänder, die trickreichen Mechanismen, das gute Futter...

Wednesday, 16.08.2006

Vielsamkeit

Als wir im Höhlenkloster Aladscha waren, regnete es. Drei Reisebusse und eine ganze Wolke PKWs voll Touristen auf dem Parkplatz. Keinem war das Kloster so wichtig, dass er im Gewitterregen durch die Pfützen waten wollte. Aber dann, als der Regen aufhörte, gab es kein Halten. Gemeinsam mit unseren Mittouristen schoben und quetschten wir uns durch die Felsspalten, vorbei an Erläuterungen zu erbaulichen Installationen, in denen Worte vorkamen wie Stille, Transzendenz und Einsamkeit. Auch der Führer im Museum, verloren zwischen den vielen Menschen, wich kein Quentchen ab von seinem Programm: "Man kann hier seine Seele baumeln lassen."

Osterweiterung

Die EU klopft an die Tür. Praktiker-Baumarkt, Allianz, Kaufland, Raiffeisenbank sind unübersehbar schon da. Natürlich auch McDonalds, nur dass hier dünne schicke Leute ihren Burger kauen. Selbst Jürgen Drews, der König von Mallorca, hat eine Kolonie am Schwarzen Meer gegründet, so verkünden die vergilbten Plakate. Und im Impressum der Tageszeitung Дневник findet sich sich die Bemerkung: Teil der Verlagruppe Handelsblatt.

Productivity

Also die Arbeitsproduktivität muss ja hier wirklich noch steigen. So ein mittelgroßer Supermarkt: 4 Leute an Frischwarentheken, eine Frau zum Gemüseabwiegen, ein Aufpasser, 4 besetzte Kassen - 10 Leute, die ich gesehen habe, wo im Supermarkt um die Ecke bei mir zuhause 4 Leute dieselbe Arbeit machen. Und dieser Luxus des menschlichen Tankschlauchhalters ist ja wohl auch überflüssig.

Tuesday, 15.08.2006

Eiskrem aus dem Tangentialuniversum

Das Eismarke in Bulgarien ist Darko mit einem lustigen Hippo als Logo. Wenn einem dazu noch der schöne Donnie Darko einfällt...

Der feine Unterschied, der keiner ist

Bei mir in der Schule wird fein säuberlich zwischen Marketing und Reklame unterschieden. (Die Wikipedia macht das auch nicht.) In Bulgarien wird das Fernsehprogramm auch einfach für etwas unterbrochen, das Reklama heißt.

Schuhschau

Oben auf dem Gipfel des Musala treffen sich die verschiedenen Schuhe: die teuren High-Tech-Trecking-Schuhe, Turnschuhe, flache Stoffschuhe. Jogginghosen und der letzte Schrei des Outdoorequipments. Was fast allen gemeinsam ist: der Anruf mit dem Handy, dem GSM, vom Gipfel.

Monday, 14.08.2006

Basarwirtschaft

Im deutschen gibt es Markt und Basar. Der zivilisierte, gute, alles regelnde Markt und der barbarische/exotische Basar. In einer bulgarischen Zeitung fiel mir der Terminus "електрически пазар" auf. In einer deutschen Zeitung wurde Basarwirtschaft mal als Schimpfwort verwendet. Wie denkt man in einer Sprache, die Basar und Markt nicht unterscheidet?

Kurze Begegnung

Die Vater-Sohn-Männerrunde ging vom Abendessen nach Hause, Mathias mit coolem T-Shirt, ich mit teurem Hemd. Ein solariumbrauner Typ mit Wappen-Poloshirt fragte uns: "Where are you from?" "Germany." Er betonte, dass er jetzt in Miami lebe. Ob wir wissen, wo das sei. Dann machte er eine weitschweifende Handbewegung, die die armseligen Büdchen umfasste, die recht amateurhaft versuchen ihren Anteil vom Kuchen der Dienstleistungsgesellschaft zu erhaschen. Es gefalle ihm hier nicht. Ich hatte keine Lust auf small talk mit einem Mann aus Miami, der das heutige Bulgarien nicht mag und blaffte ihm entgegen: "That is what market economy made of socialism." Der Mann stutzte, hatte vielleicht Zustimmung erwartet, aber er gab zu: "That is correct."

Der Mönch im Felsen

Vor 1000 Jahren gab es einen christlichen Einsiedler in dem Tal, wo jetzt das Rilakloster liegt. Mit 25 ist er in den Wald gezogen, lebte von Kräutern, Fasten und Beten. Nach 20 Jahren war er so populär, dass er eine ganze Fangemeinde hatte. Heute ist seine Höhle Wallfahrtsort und kleiner Zwischenstopp für Touristen.
Wir trafen einen dunkelblau gewandeten, bärtigen Herrn mit orthodoxem, hohen Hut. Die ihn begleitenden Frauen waren auch ganz eigenartig vermummt.
Dann krabbelten wir durch die dunkle Höhle des Einsiedlers. Im Licht des High-Tech-Handys erkannte man ein paar Ikonen. Unter großem Gekicher schob sich der Strom der dicken Touristen durch einen engen Schornstein wieder nach oben ans Tageslicht.
Draußen eine wohlschmeckende Quelle und ein Bildnis des Heiligen. Ein bulgarisches Pärchen pflegte die Traditionen.
Er trank einen Blechnapf voll Quellwasser. Sie fotografierte den erhabenen Moment.
Dann schrieb sie mit einem Kugelschreiber ihre Wünsche auf ein Stück Papier und steckte ihn in eine Ritze nahe der Quelle. Er filmte sie dabei.

Saturday, 12.08.2006

Borovec

Ein paar Hotels und Büdchen im Wald im Rilagebirge, vom König im 19. Jahrhundert als Jagdsitz gegründet. Jetzt erzählen die Leute Storys der Wandelzeit:
Als die Königstochter geheiratet hat, da wurde die Zufahrtsstraße von Sofia neu geteert.
Einer der vielen Rohbauten ist ein weißes Märchenschloss, eine Kreuzung aus Disneyland und Neuschwanstein. Vorn poststalinsistischer Zuckerbäckerstil, hinten ein Feuchtbiotop zwischen den Stahlbetonwänden für die Tiefgarage. Das hatte ein bulgarischer Mafiaboss angefangen. Doch der ist in den Niederlanden erschossen worden, weil er seine Schulden nicht bezahlt hatte.
Und natürlich der Stoßseufzer über das alte Borovec, dass es nicht mehr gibt.

Hilfskräfte der Dienstleistungsgesellschaft

In Deutschland sind Klo- und Putzfrauen, Parkplatzwächter und andere niedere Geschöpfe der Dienstleistungsgesellschaft häufig dick, zahnlos, pickelig oder anders missgestaltet oder wenigstens Ausländer. Nicht so in Bulgarien. Die Hottellobby wurde von schönen Frauen mit aufwendig frisierten Haaren geschrubbt. Der Mann der unser Auto bewachte, machte nicht den Eindruck, als ob ihn die Bedienung der Parkplatzschranke an die Grenze seiner intellektuellen Leistungsfähigkeit brächte.

Friday, 11.08.2006

Alarmanlage

Viele Autobesitzer haben in Bulgarien eine Vorliebe für hochsensibel eingestellte Alarmanlagen. Streunende Hund lösen dann den lautstarken Mechanismus aus.

Globales Dorf

In der lokalen Kneipe, in der wir rasten, gibt es Stapelstühle (was sonst) - aber mit bunten Häkeldeckchen. Oben hängt ein Plastik-Flies von Pepsi unten allerlei bulgarische Trachten.

Thursday, 10.08.2006

Loch im System

Wenn ich ehrlich bin, dann klafft da in meinem Weltbild immer noch ein tiefes Loch.
Früher war es einfach. Da gab es das Gesetz von der Übereinstimmung von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. Die Kommunistische Partei war der Sachwalter dieses objektiven Gesetzes und die Kommunisten trieben diese Entwicklung voran, mühten sich nur ein wenig darum, den Tod des sterbenden, faulenden, parasitären Imperialismus zu beschleunigen. Doch der Typ ist zäh, findet immer neue Möglichkeiten zur Kapitalakkumulation. Wenn das nichts hilft, gibt es das reinigende Gewitter eines Weltkrieges, demnächst ökologische Katastrophen.
Wenn mich einer fragte, warum man "links" sein soll, wenn ich erklären sollte, warum ich Verhältnisse besser finde, in denen es allen Menschen gut geht, dann käme ich ziemlich ins Schleudern. Dann ziert sich der politisierte Mathematiker vor Irrationalität, mit der religiöse Menschen oder Faschisten keine Probleme haben...

Cveti Konstantin

Wir uebernachten in Cveti Konstantin bei Varna. Der Ort, zumindest was wir davon zusehen bekommen, ist genauso gemischtwie unsere Fahrt vom Flughafen. Aus unserem Fenster sehen wir gerade so das Meer, großklotzige neue Hotels, kleinere Anlagen, Oedland, das Nachbargrundstueck mit Gartenlaube und Tomatenbeet. Hinter ungepflegtem Gebüsch stehen die alten "FDGB-Ferienheime". Irgendwie fallen mir die alten Filme über Artek ein. Und natürlich der Allerweltstourismus mit blauen Pools in praller Sonne, Steakhouse und Kinderanimation.

Wednesday, 09.08.2006

Ankunft

Erste Eindruecke. Die klassische Fahrt vom Flugplatz zum Hotel. Blechbushaltestellen ohne Graffiti, dicke bunte Werbetafeln fuer Handys und Immobilien, runtergekommene Plattenbauten, manche Wohnungen mit Klimaanlage, Buerogebaeude strahlen in schwarz-blauem Glas, ein alter Mann mit Pferdefuhrwerk. Eine schoene junge Frau in einem teuren schwarzen Gelaendewagen raucht eine lange Zigarette. Mathias faellt die Verschiedenartigkeit der Fahrzeuge auf: vom klapperigen Lada oder Trabant bis zum protzigen BMW ist alles unterwegs. Im Zentrum ein nichtabgerissener Kulturpalast mit einem stalinistischen Denkmal davor.

Abflug

Wir sitzen eingezwaengt in die Touristenklasse, bereit unsere fuer Westeuropaeer durchnittliche Dosis Gift direkt oben in die Atmosphere zu blasen. Spaeter werden wir wieder Muell trennen. Sollte Gott dereinst oekologische Beschaedigungen seiner Schoepfung bestrafen, so werde ich in eine spezielle Hoelle kommen: Die Luft wird in der Lunge brennen, eine ungefilterte Sonne wird sich in die Haut brennen, Stuerme und Wuesten werden um mich sein. Mit meinen Mitsuendern werden ich in hierarchiefreien Strukturen bis in alle Ewigkeit Vollwertkost mampfen.

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