Thursday, 20.07.2006

Letzter Schultag

Die grauen, müden Lehrer saßen um den Tisch beim Biere. Die Psychofalten um Augen und Mundwinkel waren wieder ein wenig tiefer geworden. Die meisten haben sich einen Kokon gesponnen aus Diensteifer, Ratenzahlungen fürs Haus, Verantwortung für Kinder - ein Kokon, der Zweifel erstickt und jahrzehntelang am Funktionieren hält. Eine Frau, die letztes Jahr in Rente gegangen gegangen war, war auch mit da. Sie war eine von den besonders grauen gewesen, eine von der man sich sagt: "So willst du nicht enden." Ich habe sie kaum wieder erkannt, so schön war sie geworden. Ihre Augen strahlten, sie wirkte entspannt und gelassen. Sie erzählte von ihrem jetzigen Leben und es klang so, wie wenn sympathische Millionäre aus Beverly Hills erzählen. Mein Nachbar bohrte nach Langerweile und Sehnsucht nach der Schule - doch die Frau konnte mit der gelassenen Überlegenheit des Müßiggängers jeden Angriff zurückschlagen. Nur in der Nacht, da träumt sie von Schlüsseln, verpassten Vertetungsstunden und der Angst vorm Verschlafen.
Nach zwei Stunden Betriebsfeier sah ich sie nochmal kurz. Ihre ganze Haltung, ihre Mimik war durch das Zusammensein mit den alten Kollegen wieder in das alte Deprimuster gefallen. Aber morgen wird sie sicher wieder entspannt durch die Heide wandeln.

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Comments

frau.ke / 21.07.2006, 00:28 / Link

Danke für den Blick aus der anderen Richtung. Was läuft falsch, dass dieses graue Deprimuster entsteht?

KurtMelnik / 23.07.2006, 20:50 / Link

Einfach ausgedrückt geht das so: Um die zwanzig entscheiden sich Leute für den Lehrerberuf, entscheiden sich für eine Tätigkeit, die sich vernünftig anhört - andern Leuten was beibringen. Es sind keine weisen selbstlosen Heiligen, die da Lehrer werden, aber sie entscheiden sich eben nicht für den Weg, von 8 bis 4 irgendwelche Maloche zu machen, um das notwendige Kleingeld für eine geile Freizeit zu verdienen. Viele sind nicht drauf aus, unbedingt Karriere zu machen.
Dann kommt die Realität. Das ehemals menschenfreundliche oder einfach nur gutgläubige Lehrerlein findet sich als Softbüttel eines nicht sehr menschenfreundlichen Staates wieder, das eine ziemlich altertümliche Zwangsveranstaltung am Laufen zu halten hat. Da spielt es keine Rolle, dass "die Forschung" oder auch die Praxis in anderen Ländern bewiesen hat, dass Noten Unfug sind, genauso wie homogene Lerngruppen, Lehrpläne, 45-Minuten-Takt und der ganze alte Mist.
Es gibt Ausnahmepersönlichkeiten, die diesen Irrsinn Jahrzehnte ohne Schaden überstehen, manche steigen aus und die anderen sitzen am Ende des Schuljahres wie oben beschrieben grau um einen bunten Rentner, hassen Schüler, werden Zyniker oder entwickeln eine andere Klatsche.
Ich hab nochmal in der Wikipedia unter Burnout nachgeschlagen, das trifft die Sache sehr gut. Natürlich sind nicht alle Lehrer ausgebrannt, aber viele befinden sich auf in dem Artikel beschriebenen Vorstufen.











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