Monday, 29.05.2006

meonly ist verschwunden

Ja, ja das Alter. Häuser, in denen man mal gewohnt hat, verfallen und werden abgerissen. Alterwürdige Bäume unter denen man mal wandelte werden gefällt und durch ganz kleine ersetzt.
Und erst die Blogger. Ein paar Wochen nicht so intesiv die Lieblingsblogs gelesen und schon ist jemand verschwunden. Nur noch letzte Spuren im Cache von google oder im Internetmuseum. Iris Bleyer mit ihrem Blog meonly hat sich verflüchtigt.
Ein schales Gefühl, so etwa wie in der Straßenbahn. Man sitzt da immer mit den selben Leuten - und plötzlich fehlt einer. Die Frau von Gegenüber, die man immer grüßte, ist irgandwann verschwunden.
Am besten drückt das Tucholsky in einem Gedicht aus:

Augen in der Großstadt (1930)

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei Fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky
(1930)

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