Wednesday, 03.05.2006

1. Mai in Leipzig

Mit ein paar schmuck gestylten Punks im Zug nach Leipzig.
Dann nach Connewitz. Unterwegs mit alten Leutchen mit hellen Sommerjacken, die Mainelke im Knopfloch. Dann am Treffpunkt schröckliche Punkmusik und wilde schwarz gewandete Menschen, die ihr erstes Sternburger frühstücken. Pipi Langstrumpf auf dem T-Shirt verkündet: "Bildet Banden!"
Der Zug setzt sich in Bewegung. Vorn ein paar DGB-Fähnchen, dann noch ein Transparent von attac, einige arabische Kommunisten, die restlichen 80% junge Leute in schwarz. Nach zwei Stunden endlich am Bahnhof. Der Lautsprecherwagen hatte verkündet:"Die Demonstration endet am Augustaplatz. Jeder weiß selbst, was danach zu tun ist." Die große Kreuzung füllt sich.
Viele ziehen weiter zum Osteingang am Hauptbahnhof. Die Straßen sind locker abgesperrt. Als genug Leute zusammengekommen sind, sitzen wir doch auf dem Georgiring um Hupkas Zug zu stoppen. Nach einer Weile kommt die Mitteilung, Hupka hat zu wenig Leute zusammenbekommen, die werden mit Bussen zum zweiten Treffpunkt zu Worch gefahren.
Wir laufen los, runter zum Bayrischen Bahnhof, zur zweiten Nazidemo. Typisch deutsches, kafkaeskes Bild: eine lange Straße, auf der einen Seite laufen die Gegendemonstranten, in der Mitte ein endloser Konvoi von Polizeiwagen, auf der anderen Seite laufen die Polizisten in ihrer Straßenkampfausrüstung. Alle zusammen unterwegs zur nächsten Blockade. Wir biegen von der Philipp-Rosenthal-Straße in die Johannesallee ein, sind fast am Ziel, kurz vorm Ostplatz. Irgendwelche Leute müssen Rauchgranaten zünden und die Bushaltestelle zerlegen. Das gibt der Polizei Gelegenheit zum Eingreifen. Der Zug kommt ins Stocken. Wir besetzen die Kreuzung und dann sitzen wir da. Vor uns, um uns Polizei mit Helm und Rüstung, Schlagstock, Pistole und manche noch Tränengas. Irgendwo hinter uns knallt es. Von Wasserwerfern ist die Rede. Hundert Meter vor uns die schwarz-weiß-roten Farben der Nazis. Es ist langweilig und sonnig. Die einen lesen, die anderen versuchen die Polizisten in Gespräche zu verwickeln, witzeln über deren Ausrüstung. Die Nazis verschwinden in der Ferne, die Polizeiwagen ziehen ab.
Unschlüssiges Hin- und Herwogen zwischen zwei Kreuzungen. Dann strömt die Menge in die Straße des 18. Oktober. Ein paar hundert Leute blockieren die Straße. Wenn wir fein brav sitzenbleiben und keine Bierflaschen fliegen, wird die Straße nicht geräumt. Wir bleiben fein brav sitzen, rücken nochmal 50 m vor, dann geben die Nazis auf. Die Polizei beginnt, sie zurückzubegleiten.
Am Friedenspark sehe ich mir noch den Rückzug der Nazis an. Es sieht aus wie bei Asterix und Obelix: Formation Schildkröte. Die Faschos in Fünferreihen mit selbst gebauten Schilden, drumherum eine Doppelreihe Polizei. Ein paar Meter nichts und noch eine Polizeikette. Davor die Gegendemonstranten mit ihren Sprechchören:"Ihr habt den Krieg verlor'n." Dann fliegen von hinten Steine. Plötzlich und ohne Vorwarnung macht der Staat von seinem Gewaltmonopol Gebrauch. Die Gummiknüppel werden gezückt. Die schwarzen Demoprofis rennen sofort los und bringen sich in Sicherheit. Wir Demoamateure schätzen die Situation falsch ein, reagieren zu langsam und kassieren Hiebe.
Auf dem Rückweg am Bayrischen Bahnhof die Reste von Straßenschlachten. Verkohlte Müllcontainer und aufgestapelte Bauzäune. Da wo gar keine Nazis waren. Und diese brennenden Müllcontainer waren heute die Quintessenz vom 1. Mai in Leipzig in meiner Lokalzeitung: Ein Bild von einem flammenden Inferno mit dem Neuen Rathaus im Hintergrund, Überschrift: "Gewalt in Leipzig und Kreuzberg." Kein Wort davon, dass es hunderten von Gegendemonstranten gelungen ist, die Nazis davon abzuhalten, durch Leipzig zu marschieren. Kein Wort davon, dass bei den Straßenblockaden viele Leute dabei waren, die absolut nicht wie Bürgerschreck-"Linksradikale" aussahen...

So habe ich es erlebt. Andere haben anderes zu berichten: indymedia, die Online-Ausgabe der MZ wesentlich neutraler als die oben erwähnte Printausgabe.

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