Wednesday, 04.01.2006
Umsturzszenario
Der antikapitalistisch eingefärbte sinneswandel großer teile der bevölkerung in vielen ländern war einerseits das resultat einer langjährigen, schwelenden krise mit einer chronisch hohen erwerbslosigkeit, die von kriegen, zunehmenden naturkatastrophen und dem allmählichen versiegen wichtiger rohstoffe wie dem erdöl begleitet wurde. Aber das allein rief noch keinen allgemeinen sinneswandel hervor. Ein internationales patchwork unterschiedlichster bewegungen und neuer strukturen hatte bald auch in vielen medienbereichen anhängerInnen gewonnen und führte schlagartig dazu, dass der neoliberale und rechtslastige mainstream in den alten Zeitungs- und Fernsehunternehmen ausgehöhlt wurde.
Als dann zum schluss weite teile Hollands, Belgiens und auch unsere stadt wieder einmal durch übertretende flüsse heimgesucht wurden und neuartige virenkrankheiten ausbrachen, kippte die allgemeine stimmung. Politik und Wirtschaft hatten in weiten teilen der bevölkerung nicht nur ihre glaubwürdigkeit eingebüßt, ihnen war der Schleier entzogen, der ihre maßgebliche Urheberschaft an den verheerenden Zuständen bis dato verdeckte. Als die etablierte Macht mit Notstandsgesetzen und Militär ihre Funktionen aufrecht erhalten wollte, versuchten Rechtsradikale mit unterstützung von rechten Kräften aus dem Staatsapparat die Macht an sich zu reißen und eine kurze zeit hatte es den anschein, als sollte ihnen erfolg beschieden sein. ...
Der wohl wichtigste faktor, dass diese rechtslastige strategie nicht von erfolg gekrönt sein konnte, war ein bereits vorhandener wertewandel in großen teilen der bevölkerung, der insbesondere den kritischen medien zu verdanken war. Das immunsystem gegen Nationalismus und rechtes Gedankengut hatte sich verstärken können, weil die tatsächliche entwicklung die Identitätsmuster von Nation, Arbeit und Konsum im lichte einer breit wirkenden aufklärung so weit ausgehöhlt hatte, dass weder martialische Drohungen mit dem Militär noch rechte Mobilmachung den massiven widerstand und ungehorsam brechen konnten. Im gegenteil, der widerstand wurde immer größer und paralysierte die Macht.
In unserer stadt hatte der private vorläufer des heutigen senders diva eine schlüsselrolle gespielt...
Mit dem sender hatten die kritischen kräfte ein wirkungsvolles sprachrohr, für demonstrationen und aktionen aller art tausende von menschen zu mobilisieren. Das färbte auf die redakteurInnen und journalistInnen etablierter sender ab, auch auf prominente aus verschiedensten gesellschaftlichen bereichen. Sie trauten sich immer häufiger, die Spielregeln der Macht zu missachten. Es gab plötzlich nicht nur kritische, sondern auch systemwidrige beiträge und ausführliche berichte über projekte und initiativen, denen die alten Medien aus vielerlei gründen keine beachtung geschenkt hatten und die früher nie zu wort kamen.
Das weltanschauliche monopol des neoliberalen zeitgeistes weichte zusehends auf, die axiome wirtschaftsliberaler „Gesetzmäßigkeiten“ wurden unter dem gewicht einer wuchtigen und durch fakten belegten kritik allmählich erstickt. Dadurch gerieten im endeffekt fast alle bastionen des großen Geldes ins wanken. Der beginn des umschwungs begann mit der schnell anwachsenden bewegung für die rekommunalisierung städtischer einrichtungen, das rathaus und dessen mächtig scheinende Eigentümer aus Banken und Immobilienfonds wurden zu streitsymbolen für die einleitung einer neuen ära. Kapital hau ab! und KapitalistInnen raus! waren die häufigsten aufforderungen, die in graffitis bunt versinnbildlicht von brückenpfeilern und wänden prangten. Auf einmal wurden Konzerne und Banken boykottiert und sahen sich dadurch gezwungen, ihre Geschäfte durch drohende Konkurse einzustellen. Jede Androhung von ihrer Seite, ein wirtschaftliches Chaos zu hinterlassen, dessen Verantwortung der „Pöbel“ zu übernehmen habe, verstärkte den unmut in weiten teilen der bevölkerung und als sich die auflagenstärkste tageszeitung dieser hetze anschloss, folgten massenweise kündigungen von abonnentInnen. Das einst mächtige Zeitungsmonopol in der stadt geriet in diesem strudel in konkurs...
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